Weil die Sahara-Glocke momentan selbst Ottmar Hitzfeld und Thomas Hitzlsperger zum Schatten-Spenden zwingt, wurde das Testspiel-Debüt des RSV Germania 03 gegen RW Walldorf III abgesagt. Der erste Vorbereitungs-Einsatz für das Kreisliga A – Comeback soll nun am Donnerstagabend (02.07., Anstoß 19Uhr30 Grüner Steg) gegen Eintracht Bürstadt über die Bühne gehen. Die Chronisten-Abteilung nutzte die schweißtreibende Zwangspause, um mal wieder im Archiv zu blättern und den Zeitreisenden zur Ursprungs-Durchleuchtung des germanischen Mythos in die Anfangs-Epoche des zwanzigsten Jahrhunderts zu beamen. 

 

 

Ende der 1890er trat der Fußball seinen Siegeszug quer durch die deutschen Landen an, weshalb rund 1300 Jahre nach dem Ende der Völkerwanderung die germanische Weiterentwicklung auch mit der Geschichte des SV Darmstadt 98 verknüpft ist. Im Mai 1898 wurde von Professor Leopold Ensgraber und seinen Söhnen (allesamt Gymnasiasten) Olympia Darmstadt aus der Taufe gehoben, aus der 1919 der heutige SV98 hervorging. So kamen viele Pfungstädter Pennäler, die in der benachbarten Residenzstadt auf höheren Schulen für ihre Zukunft paukten, erstmals mit dem neuen Sport in Berührung und gründeten 1901 zwölf Monate nach der Leipziger DFB-Einrichtung den „1. Pfungstädter Fußballklub“.

 

 

Mit primitiver Ausrüstung frönte die begeisterte Schar ihrem (noch) gewöhnungsbedürftigen Vergnügen. So wurden z.B. die Torstangen nach dem Match stets nach Hause transportiert, wo man sie trotz elterlichem Verdruss bis zur nächsten Gelegenheit stolz aufbewahrte respektive wie den 28 Jahre zuvor von Heinrich Schliemann entdeckten Goldschatz von Troja hütete. Von der bis dato relativ exotischen Schüler-Leidenschaft ließ sich spätestens im März 1903 auch die erwachsene und meist aus Kaufleuten bestehende Bevölkerungsschicht anstecken, weshalb unter dem Namen „FC Germania“ ein zweiter Fußballverein das Licht der Welt erblickte. 

 

 

Allerdings erkannten sowohl junge als auch alte Pioniere (u.a. Philipp Kramer, Christoph Crößmann, Adam Gandenberger, Willi Grund, Heinrich Gunkel, Jakob Hassenzahl und Philipp Wenz) in Bälde, dass zwei Klubs gemäß des „zweiten Reichs“ für eine Kleinstadt nicht von Vorteil waren, weshalb der „1. FC“ und der „FC Germania“ im September 1903 zum „Fußballklub Germania 1903 Pfungstadt“ fusionierten und dadurch den offiziellen Gründungstermin fundamentierten. 

 

 

Für die lokale Fußballbewegung stellte jener Zusammenschluss einen wegweisenden Schritt nach vorne dar. Am 11. Oktober 1903 wurde die nächste Stufe gezündet: Premiere gegen einen auswärtigen Opponenten. „Vornamensvetter“ Germania Arheilgen hatte nicht den Hauch einer Chance und musste vor der Rückfahrt eine 1:6-Packung im Mannschaftskoffer verstauen. Die Erfolge des taufrischen Emporkömmlings mehrten sich und forderten eine interne Zäsur, welche in einer denkwürdigen Generalversammlung am 31. Januar 1904 gipfelte. 

 

 

Ohne Präsenz von Ehrenmitglied Kaiser Wilhelm II. (weilte aufgrund des Herero-Aufstandes in Deutsch-Südwestafrika) meldeten sich die Germanen im Süddeutschen Fußballverband an und legten die Vereinsfarben Blau und Weiß fest. Der Legende nach soll diese Kundgebung Willy Gies im folgenden Mai auf der Zeche Consolidation in einem bis dahin unbekannten Gelsenkirchener Ortsteil inspiriert haben, den Vorläufer der heutigen FC Schalke 04 zu organisieren. Historien-Forscher stempeln eine solche Mutmaßung als Phantasterei ab, aber in jeder Legenden-Überlieferung steckt ja bekanntlich ein wahrer Kern…

 

 

Der FC Germania startete 1904 in der C-Klasse und agierte primär gegen Kontrahenten aus dem kurpfälzischen Raum. Dank einer Liga-Reformation (Bezirk Mittelrheingau) dominierte der Newcomer ab 1908 seine neue Konkurrenz aus Mainz, Kreuznach, Mombach und Worms und feierte beim Kehraus der Saison 08/09 den ersten Meistertitel. Der Triumph spornte die Kicker zu noch größerem Eifer nebst die stetig wachsende Anhängerschaft zu lautstarker und auch monetärer Unterstützung an. Beispielhaft veranstalteten die damaligen „Fans“ eine Haussammlung bei diversen Gönnern, um dem Team die Partizipation an einem Kreismeisterschaftsspiel in Pirmasens zu ermöglichen. 

 

 

Nach der Runde 10/11 durften sich die Germanen auf dem Sportplatz des TV Pfungstadt an der Fleischmühle (Kammfabrik Gebr. Gräf) bereits zum zweiten Mal über ein Championat freuen. Selbst stärkere Rivalen wie Hassia Mainz, Sportklub 05 Darmstadt, Alemannia Worms zogen den Kürzeren (komplette Spielzeit ohne Heimniederlage). Ergo war es 1912 allerhöchste Eisenbahn, eine eigene Fußballheimat zu erwerben. Innerhalb weniger Wochen verwirklichte der Vorstand seinen Plan und akquirierte den Sportplatz an der Bornmühle. 

 

 

Just als sich die Germania spielerisch und verwaltungstechnisch assimiliert hatte und den überregionalen Kapazitäten vom Fürther Ronhof oder der Kieler Förde langsam auf die Pelle rückte, verlor ein serbischer Nationalist am 28.06.1914 die Contenance und löste durch sein Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger die im Ersten Weltkrieg mündende Julikrise aus. Die verheerenden Konsequenzen sind bekannt. Auch die komplette germanische Mannschaft wurde zum Militärdienst eingezogen. Zwischen 1914 und 1918 fielen 35 Mitglieder dem fürchterlichen Weltenbrand zum Opfer. 

 

 

Nach dem Krieg stand also der erste radikale Neuaufbau im blau-weißen Fokus. Doch das ist eine separate Story, welche wahrscheinlich erst publiziert wird, wenn der normal gestrickte Homo Sapiens wieder mit Rollkragenpullover, langen Unterhosen und zwei Paar Wollsocken das traute Heim verlassen darf. In den kommenden Wochen glitzern erst einmal die Saisonvorbereitung sowie der Wiedereinstieg ins A-Liga-Schaufenster auf der To Do – Liste. Glückauf!