Während den zurückliegenden 123 Jahren der ruhmreichen Annalen hätte mancher Trainer des RSV Germania 03 seine Elf nach einem enttäuschenden Ergebnis umgangssprachlich sicher gerne auf den Mond geschossen. Dass allerdings der mythische Erdsatellit seit 1922 eine Symbiose mit dem Pfungstädter Traditionsverein bildet, ist den wenigsten Chronisten geläufig. 

 

Nicht resignierende Historiographen sind dank mehreren Dekaden akribischer Nachforschungen jetzt dem Mysterium auf die Schliche gekommen: Die Germanen waren in der Weimarer Republik als die „Mannschaft vom Mond“ ehrfurchtsvoll angesehen und gefürchtet. Der Löwenanteil für diesen Spitznamen gebührte dem späteren deutschen Meister VfR Mannheim. 

 

Anno 1922 kämpften die Rasenspieler mit den Waldhof-Buben und Phönix um die lokale Vormachtstellung in der Quadratestadt, als sie die Kunde vom nächsten Pokalherausforderer wie der Blitz traf: RSV Germania 03, und das auch noch auswärts. Bitte wer? Trotz der relativ geringen Entfernung von ca. 50 Kilometern kam den damals in Süddeutschland eine große Fußballnummer darstellenden Kurpfälzern der Gastgeber einem unbeschriebenen Blatt gleich.

 

Wir haben auf der Landkarte den Ort Pfungstadt gesucht, konnten aber nicht feststellen, wo er liegt. Daher stehen wir vor einem Rätsel, wo wir zum Pokalspiel antreten sollen. Weil Pfungstadt scheinbar auf dem Mond liegt, bitten wir darum, dass sie zu uns nach Mannheim fahren“ zitierte ein VfR-Verantwortlicher in den Gazetten inklusive folgendem Epilog: „Als Auslagen-Entschädigung gewähren wir ihnen einen Betrag von 600 Mark!“

 

Das war natürlich eine erklecklich runde Summe respektive Labsal für die relativ klamme Vereinskasse. Ergo akzeptierte der RSV das Angebot mit einem lukrativen Jauchzen und reiste als krasser Außenseiter gen „Monnem“, wo der hiesige Blätterwald nur die Höhe des VfR-Sieges orakelte. Doch schon damals galt die Maxime „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“. 

 

32 Jahre vor dem Berner Wunder glückte den groß auftrumpfenden Germanen das Mirakel von Mannheim. Vor sage und schreibe 4000 Zuschauern erzielte Georg Hillgärtner die Führung. Kurz darauf überraschte Adam Böttiger, den man „Esser“ nannte“, per Sonntagsschuss Torwart Franz Hügel, aber der Schiedsrichter versagte dem zweiten Treffer die Anerkennung. „Esser“ ließ sich davon nicht beirren und legte unbeeindruckt das 2:0 nach. Die Resultatskosmetik zum 2:1-Endstand unmittelbar vor Feierabend diente nur noch der Statistik.

 

Nach dem Paukenschlag konnte sich Journalist Franz Krawutschke eine „Spitze“ gegenüber dem Favoriten nicht verkneifen: „Die Mannschaft vom Mond besiegte den VfR, der jetzt hoffentlich weiß, wo Pfungstadt liegt“. In den 1970ern wurde das Kick-Melodram sogar als SF-Serienversion unter dem Titel „Mondbasis Alpha Eins“ auf Zelluloid gebannt. Als Hauptdarsteller mimte Martin Landau den „Esser“.

 

Der Spitzname wurde also 1922 aus der Taufe gehoben und machte die Germania von der Elbe bis zur Isar so populär, dass selbst Reichspräsident Friedrich Ebert über eine Mitgliedschaft sinnierte. Diesen Plan verwarf er zwar wegen seiner Loyalität gegenüber Knappen und Cluberern, bewegte aber 1938 das Pfungstädter Bürgertum, die neu gegründete Schule nach ihm zu benennen. 

 

Derweil benötige der VfR Mannheim einige Jahre, um sich von dem sportlichen Schock zu erholen. Erst als man am 10. Juli 1949 in der Hitzeschlacht von Stuttgart nach Verlängerung die Borussia vom Borsigplatz 3:2 verdientermaßen niederrang und als erster Verein die heute noch gültige Meisterschale überreicht bekam, war die Schmach getilgt. Und die Germania? Die wurde erst von den Kriegswirren gestoppt, zieht allerdings bis dato stolz ihre Kreise auf den Amateurfußballfeldern. Kein Wunder, wenn man einst als „Mannschaft vom Mond“ das Establishment aufmischte…