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Heute vor genau 25 Jahren wackelte der „Grüne Steg“ in seinen Grundfesten. Glücklicherweise suchten weder ein Erdbeben noch irgendein chinesischer Virus die altehrwürdige Stätte im Pungschter Osten heim. Nein, die Ursache beruhte „nur“ auf ekstatischen Freudenstürmen. Ohne jegliche Kontaktbeschränkung huldigten über tausend Fans dem RSV Germania 03 zum Erklimmen des sportlichen Olymp:  Bezirksoberligameisterschaft und Aufstieg in die Landesliga Süd.

In der Saison 94/95 krönte der Traditionsverein von der Ostendstraße eine jahrelange Aufbauarbeit und zauberte einen grandiosen Triumph aus dem blau-weißen Ärmel, der für alle Ewigkeiten unauslöschlich im historischen Almanach verankert ist.  1989 waren die Germanen zum zweiten Mal aus der Landesliga (heute Verbandsliga) abgestürzt, was einen radikalen Kaderumbruch zur Folge hatte. Diese Herkulesaufgabe übernahm der ehemalige Spieler Horst Drott – uneingeschränkt der spätere Vater des Erfolgs.

 

Die aus glücklichem Händchen, richtigem Näschen und erfahrenem Fußballauge beinhaltende  Anatomiekombination des neuen Spielausschussvorsitzenden trug ungeachtet diverser Nackenschläge rasch Früchte und bahnte der Germania sukzessive den Weg zurück in die Positivspur. Insbesondere 1993 (Zweiter; in der Relegation gescheitert) und 1994 (Dritter) belegte der RSV mit Trainer Wolfgang Stefani (in den 1980ern Hessenligaakteur bei Viktoria Griesheim) Comebackschnupperkurse, doch die olle Fortuna versteckte sich noch nebenan in einer Backstube und inhalierte lieber die markanten Brotwebergerüche.   

 

Den entscheidenden Schachzug für das 1995er – Happyend vollzog „Mr. Germania“ alias Horst Drott schließlich durch die Übungsleiterinstallierung von Günter Wüst, der in seiner Aktivenepoche vom Blätterwald  den Spitznamen „Beckenbauer von der Bergstraße“ kreiert bekam und zuvor die SG Riedrode von der A-Klasse in die Landesliga durchgelotst hatte. Wüst schweißte die germanische Mannschaft noch enger zusammen. Den ersten „Titel“ gab es gleich am Anfang der ergiebigen Liaison zu bejubeln. Durch ein 2:0 im finalen Match der 19. Stadtmeisterschaft gegen Erzrivale TSV Pfungstadt wurde den Mannen vom Grünen Steg der lokale Lorbeerkranz überreicht.  

Zum Prolog der neuen Spielzeit lief es jedoch noch nicht richtig rund. Auf dem gefürchteten Hartplatz respektive seinem alten Wirkungsareal am Riedroder Bahnhof  musste sich Wüst bei seinem Pflichtspieleinstand gegen Gastgeber FSV mit einem torlosen Remis begnügen. Im anschließenden Heimspiel schmückte aber schon der erste Sieg die Vita. Zum 2:0 über den TSV Trebur steuerte Ramon Agbemanyole auf seiner RSV-Abschiedstournee beide Treffer bei. Nach dem Aufstieg wechselte der „Pungscht-Togolese“ mit der Referenz von im Germaniaarchiv gelisteten 314 Punktspieleinsätzen und 101 Toren  als Spielertrainer zur KSG Brandau.

 

Beim nächsten Auswärtstermin stand Wüst erstmals die Wunschformation zur Verfügung („Slatsch“ Grujic und Rainer Niederhöfer waren aufgrund von während einer Testpartie in Griesheim kassierten roten Karten bis dato gesperrt). Hausherr FC Fürth musste diesen Umstand Tribut zollen und schluckte gegen entfesselnde Germanen eine bittere Pille im Format einer 1:6-Heimschlappe. Durch dieses nachhaltig platzierte Ausrufezeichen wurde bereits am vierten Spieltag eine Woche später der erste Wegweiserhit  auf der Agenda notiert.

 

Über 300 Zuschauer erquickten sich am Grünen Steg über ein 2:1 gegen die SG Einhausen, die im weiteren Verlauf ihre Schauspielrolle als hartnäckigster Widersacher allerdings fortan professionell mimte. Nach einem 0:1-Halbzeitrückstand wendeten Ersin Sözer und Kalle Worschech das Blatt in der zweiten Hälfte und katapultierten das germanische Team  zum Debütsprung auf den Bezirksoberligagipfel, wo man sich nonstop bis zum Saisonkehraus gemütlich einrichtete.

 

Dem Scheibenschießen im Odenwald folgte zwar ein kleiner Resultatsdämpfer (1:1 in Geinsheim), aber dann diente das 2:0 gegen Eintracht Rüsselsheim sowohl als Ouvertüre als auch Initialzündung einer überragenden Serie von sieben Siegen en block. Der Rasensportverein wies das Mitfavoritenensemble ergo zunächst rigoros in die Schranken. In jenen Wochen stieß im Konkurrenzfeld sauer auf, dass gegen den Spitzenreiter kaum ein Kraut gewachsen ist – selbst dann nicht, als in den Verfolgerkneipen dazu Rippchen serviert wurden.  

 

Zwischen den Pfosten verwandelte Keeperinstitution respektive Rekordspieler Torsten Schambach sein Hoheitsgebiet in die südhessische Version von Fort Knox (Endbilanz lediglich 22 Gegentore). Vor ihm hielten der umsichtige Libero Zlatan Grujic und der kompromisslose Vorstopper Damian Ratsch im Verbund mit den außen wirbelnden iberischen Avila-Brothers (Juan & Francisco) den blau-weißen Laden sauber. Im Mittelfeld führten Ersin Sözer, Rainer Niederhöfer, Eric „Schwede“ Horn, Uwe Schulz, Murat „Zebra“ Simsek, Matthias Mayer, Predrac Ceranic und Eddy Janzen Regie, während im Offensivzentrum Kalle Worschech, Arndt Hornicek und Ramon Agbemanyole um die Wette knipsten.

 

Neben den fußballerischen Qualitäten ragte zusätzlich die Kameradschaft heraus. Die Mannschaft war auch privat untereinander verwurzelt und bildete eine verschworene Einheit. Die oft auf die legendäre Hallenempore verlegten Kabinenfeste schmückten prinzipiell den Alltag. Viele Spieler streiften sich jahrelang davor bzw. danach schon/noch den Germania-Dress über. Es ist bestimmt kein Zufall, dass in der natürlich von der Number One (erst acht Partien vor der Fünfhunderterschallmauer gab er den germanischen Geist auf) angeführten Topp-Fünfzehn – Rangliste aller eingesetzten Erstmannschaftsspieler ab 1983 nur vier „RSV-Veteranen“ (Ben Talib, Eric Huxhorn, Aydin Kurt, Thomas Krömmelbein) vertreten sind, die nicht dem 1994/95er-Kader angehörten.